Was das Gehirn beweglich hält
Man kann sich Freiberuflichkeit als Fitnesstraining für den Geist vorstellen: Ortswechsel, anpassen, neu denken
Manchmal wird es auf diesem Kanal still, und meistens hat es einen Grund: Veränderung. Mein Leben ist seit einigen Jahren im permanenten Umschwung. Das ist aufregend - und oft unbequem. Und genau deshalb hilft es mir sehr dabei, mich immer wieder gut auf Kund:innen einzulassen, die sich mit Veränderungsprozessen auseinandersetzen müssen.
Jetzt gerade lebe ich in Münster auf sehr wenigen Quadratmetern. Mit Phone, Kopfhörern und Laptop richte ich mich jeden Tag anders ein. Heute wird der Campingtisch zum Schreibtisch, morgen darf ich vermutlich wegen Baulärms einen ganz anderen Standort suchen. Mein Haus ist eine Baustelle. Doch weil einige Aufträge gerade physische Anwesenheit erfordern und meine frisch eingebaute Hüfte nach einer Reha verlangt, bin ich trotzdem in Deutschland. In den Wochen zuvor, frisch operiert im Londoner Quartier, habe ich mir mit einem Sattel-Stuhl auf Skater-Rollen, Online-Calls und genügend Pausen beholfen.
Natürlich nervt manches. Aber es hält mein Hirn beweglich. Was ich dabei lerne und kultiviere:
- Unsicherheit aushalten: Wann entscheide ich, ob ich zu einer bestimmten Zeit in Münster oder London bin? Kann ich einen Job annehmen, der über sechs Monate in der Zukunft liegt? Was passiert mit meinem im Aufbau befindlichen Büro in London, wenn ich nicht vor Ort bin? Hilft alles nix: Irgendwann muss ich Entscheidungen treffen, auch wenn ich bisweilen das Gefühl habe, dass sie falsch sein kann.
- Mich mit unperfekten Umständen arrangieren: Baustelle zu Hause, unzuverlässige Bahnen und Flüge, das Visum noch ungeklärt. Ich lasse mich davon nicht lähmen, sondern arrangiere mich mit dem, was ich vorfinde, nehme mein Laptop auf die Knie und lege los.
- Dinge loslassen: Ich muss mich damit abfinden, dass ich viele interessante Events und Kontakte im immer beweglichen London verpasse, sobald ich mich in Richtung Deutschland bewege. Das verursacht regelmäßig FOMO, aber mittlerweile ist mir klar, dass London sowieso zu groß ist, um den Überblick zu behalten und alle Gelegenheiten wahrzunehmen.
- Das Schöne im Detail wahrnehmen: Dieser März bringt so viel Sonne nach dem trüben Winter. Das wärmt das Gemüt. Die Sonne scheint auf meinen Campingtisch, und die Arbeit fließt. Ob ich das sehe und anerkenne oder mich stattdessen auf meine schmerzende Hüfte oder den beengten Raum fokussiere, ist meine ureigene Entscheidung.
